Einleitung von Antonio Skármeta
Es ist schwer fassbar, doch die Wahrheit: 2003 werden dreissig
Jahre vergangen sein, seit dem Militaerputsch in Chile, und fuer
alle, die unter dessen Folgen gelitten haben, wird dies ein Anlass
sein fuer Nachdenken und Trauer. Wenn man seit Jahrzehnten mit den
Auswirkungen dieses Ereignisses lebt, das Leben und Utopien zerstoert
hat, so kann man den Eindruck gewinnen, dass die Zeit nicht vergeht.
Auch wenn die Wunde sich geschlossen hat, ist die Narbe noch zu
sehen. Wenn die Verletzung tief war, so schmerzt sie weiter. Schmerz
laesst sich nicht am Kalender messen.
Zwischen 1970 und 1973 hat Chile eine einzigartige Periode seiner
Geschichte durchlebt. In den Praesidentschaftswahlen im September
1970 siegte zum ersten Mal ein Kandidat, der sich offen zum Marxismus
bekannte und im wesentlichen von den Linksparteien unterstuetzt
wurde. Der siegreiche Kandidat hiess Salvador Allende, und er versprach
einen friedlichen Weg zum demokratischen Sozialismus einschlagen
zu wollen. Seine Botschaft hatte die Massen erobert.
Ein verbreiteter Irrtum, dem bis heute nicht entschieden genug
entgegnet worden ist, unterstellte, dass die Allende-Regierung kommunistisch
war. Jeder europaeische Demokrat versteht leicht, dass dies eine
verengte Wahrnehmung ist. Die Maenner und Frauen, die den neuen
Praesidenten unterstuetzten, waren Kommunisten, Sozialisten, Leute
der Mitte, Christen, hippies, Unabhaengige und Jugendliche ohne
andere politische Ueberzeugung als den Traum von Gerechtigkeit.
Die Einleitung zu einem Photoband ist nicht der richtige Ort zu
analysieren, woran diese Regierung gescheitert ist. Die Fehler der
Regierungskoalition einerseits und die schwerwiegende auslaendische
Verantwortung andererseits, die in den Protokollen des U.S.-Senats
dokumentiert ist, sind in zahlreichen Buechern und Dokumenten festgehalten
worden. Was jedoch bis heute nicht ausreichend erklaert werden konnte
ist, warum dieser Prozess, der gerade einmal tausend Tage gedauert
hat und in einem abgelegenen Land stattfand, derart die Aufmerksamkeit
der gesamten westlichen Welt und, wenn auch geringer, die anderer
Kontinente auf sich gezogen hat, und dies bis heute anhaelt.
Das Verfuehrerische an Allendes Versprechen und Anstrengungen lag
darin, dass die Veraenderungen in vollkommener Freiheit und im Rahmen
der bestehenden demokratischen Verfassung verwirklicht werden sollten.
Die Mehrheit der Anhaenger Allendes hatte keinerlei Sympathien fuer
die autoritaeren Regime in den Laendern des "realen Sozialismus"
und wenn der Kandidat Allende ihnen das verheissen haette, dann
haette er nicht genuegend Stimmen erhalten, um gewaehlt zu werden.
Vielleicht gelang das Unternehmen Allendes mal so recht und schlecht,
woran er jedoch immer festgehalten hat, war die Verteidigung der
Freiheiten aller, gleich ob Anhaenger oder Gegner. Das ging so weit,
dass auslaendische Beobachter gelegentlich den Eindruck hatten,
die Freiheit drohe in Anarchie auszuarten. Doch der eingeschlagene
Weg war ein friedlicher. Die Gewalt kam von der anderen Seite und
begann in der Tat einige Tage vor Allendes Regierungsantritt., als
terroristische Gruppen der extremen Rechten den Oberkommandierenden
der Armee, Réné Schneider, ermordeten, in der Hoffnung
chaotische Zustaende herbeizufuehren, die den Kandidaten an der
Einnahme seines Platzes im Praesidentpalast gehindert haetten.
Waehrend der etwas ueber dreissig Monate der Regierung der "Unidad
Popular" fuehlten sich die Menschen als Herren des oeffentlichen
Raums und einer Hoffnung. Das Volk fand seinen Ausdruck, ohne in
einen vorgegeben Rahmen revolutionaerer Ideen und Philosophien eingezwaengt
zu werden. Es machte einfach und natuerlich seiner Freude Luft ueber
die Veraenderungen und hatte das erhebende Gefuehl, die eigenen
Erwartungen mit hunderttausenden anderen zu teilen. Die Massen,
die Allende unterstuetzten, bestand aus Leuten , die unter realen
Zustaenden und Problemen litten. Doch sie waren keine indoktrinierten
Fanatiker und vom Marxismus-Leninismus kannten sie gerade einmal
ein paar Schlagwoerter, die sie bei jeder Gelegenheit mit spielerischer
Freude riefen. Diese temperamentvollen Auesserungen gingen ueber
die Koepfe der politischen Fuehrer hinaus, die selbst eine politische
Kultur besassen, und ueberraschte sie manchmal.
Die natuerliche Buehne dieser lebhaften Demonstrationen war die
Strasse. Jedesmal, wenn ein von der Rechten, den Arbeitgebern oder
den Haendlern provoziertes Problem entstand, wenn diese drohten,
streikten oder sich auf den Schwarzmarkt verlegten, um ihre Interessen
zu verteidigen, ging das Volk auf die Strasse, um eine "Demonstration
abzuhalten". Darauf bereitete man sich mit derselben Begeisterung
vor wie Kinder, die zu einem Geburtstagsfest eingeladen sind. In
der Tat erschien alles wie ein unschuldiges Spiel bis zu dem Augenblick,
als der Terror sein wahres Gesicht zeigte.
John Halls Fotos zeigen das Volk in einem Zustand friedlicher Trance,
in ueberschaeumendem Optimismus und lyrischen und poetischen Ausbruechen.
Sie lassen die in allen Farben bemalten Mauern vor dem Auge des
Betrachters erstehen, die heiteren und spoettischen Lieder, das
kaempferische Kino und Theater und die Fahnen, die sich bei den
Umzuegen wiegen, wie die Drachen der Kinder in den Parks im Monat
September. Nein, das war keine Revolution, das war ein laermendes,
buntes Fest und die daran teilnahmen moegen sich manchmal, in die
Stille ihrer Wohnungen zurueckgekehrt, gefragt haben, ob es diesem
Menschenmeer tatsaechlich gelingen koennte, das halbgesunkene Schiff
des verfassungsmaessigen Praesidenten wieder flott zu machen. Die
Slogans spiegelten den Geist dieser Zeit wieder. Die Menschen hatten
das Gefuehl, gewachsen zu sein. Der uruguaysche Poet, Mario Benedetti,
sah darin eine Form von Liebe. "Und auf der Strasse, Schulter
an Schulter, sind wir so viele mehr als zwei" oder "Das
vereinigte Volk kann niemals besiegt werden". Das waren mehr
als Parolen, hier drueckte sich der Wunsch aus, es moege doch wirklich
so sein.
Mir scheint, dass John Hall mit seinen Fotos Erstaunliches gelungen
ist, etwas das man selten bei einem Fotografen sieht. In seinen
Fotos von Menschenmengen herrscht ein perfektes Gleichgewicht zwischen
der Vielzahl und dem Individuum, zwischen Intimitaet und Expressivitaet,
zwischen dem Strom, der die Massen erfasst hat und der Hoffnung
der Einzelnen. Es ist erstaunlich zu sehen, wie die kompakte Kraft
der Masse, dank des feinen Gespuers fuers Detail, eine poetische
Qualitaet gewinnt. Wuerde ich einem Fremden das Chile zwischen 1970
und 1973 zeigen wollen oder jemandem aus der jungen Generation,
der sich fuer die Geschichte und Politik des letzten Jahrhunderts
interessiert, so wuerde ich ihnen nahelegen, sich John Halls Fotos
genau anzuschauen. In den Blicken der Menschen, ihrem Laecheln oder
ihren abgewogenen Gesten, in einem gewissen Vorgeschmack von Trauer
und in dem Schrei, der Mut machen soll, scheinen klare Zeichen der
Spannung auf, die dieses Volk bewegten, das sich mobilierte, um
seine Zukunft zu veraendern und das dann am 11. September 1973 ein
anonymes Begraebnis fand. Oder als einziges "Glueck" einen
Grabstein fuer die Familien, die die Chance hatten, die Leichen
ihrer ermordeten Angehoerigen zu finden.
Irgendwie war das Volk an der Entstehung dieser Bilder beteiligt,
sozusagen als Ko-Autor des Fotografen, der sie geschaffen hat. Betrachtet
man die Fotos im Detail, so spuert man eine solche Intensitaet,
dass man zu denken versucht ist, dass die Modelle bewusst posiert
haben. Ihre Gesichter sind von einer dramatischen Intensitaet beseelt,
etwas, das ein Fotograf im allgemeinen nur mit Modellen im Studio
schafft. wo er alle technischen Elemente seiner Arbeit kontrollieren
kann. Eine solche Perfektion im Tumult der Strassen zu erreichen,
ist Ausdruck einer aussergewoehnlichen Faehigkeit, die nur wenige
gemeistert haben.
Ich begruesse John Halls Arbeit mit Begeisterung. In einer schwierigen
Zeit der lateinamerikanischen Geschichte hat er es verstanden, in
Chile zu leben und das dankbare Volk hat ihm seine Wahrheit erschlossen.
Es ist gut, dass dreissig Jahre nach dem Staatsstreich in Chile,
diese erfrischende Quelle des Lebens hervorbricht und dass zur selben
Zeit, in der wir uns an ein tragisches Datum erinnern muessen, dieses
klare Hoffnungszeichen aus den Blicken dieser Anti-Helden der Strasse
aufscheint.
Antonio Skármeta, Schriftsteller und bis Februar 2003
Botschafter der Republik Chile in Deutschland
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